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August 2010  

Christa Völker

Ich habe zu viele Klamotten in seinem Schrank. Außerdem Bücher, Schuhe, Geschirr, Kosmetik. Mein Morgenmantel hängt wie ein Fremdkörper im Bad. Auch mein Spiegelbild. Das Leben auf einer Insel kann schön sein. Kann. Doch jetzt geht es nicht vor und nicht zurück. Nur tiefer. Freier Fall. Aus rosaroten Wolken in einen Misthaufen aus Schnapsleichen und Rezession. Wir haben alle Hände voll zu tun. Ich komme gar nicht mehr zu mir. Die Zeit. Es sind schlechte Zeiten. Manche sagen, es kommen bessere. Meine Zeiten liegen im ständigen Wettstreit. Mal so, mal so.

Ich muss die Bücher an einen sicheren Ort bringen. Wer weiß, wie lange ich noch bleibe.

Die Bücher, und die Sofakissen auch.

Wie oft schon?

Wie oft noch?

Er stand auf der Terrasse, als ich abfuhr. Zwischen viel Geäst und Grün und Rot. Seine Haut leuchtete. So weiß wie meine. Wir sind Weiße. Nachtschwärmer in einem Land aus Sonne. Mit Schatten auf den Stirnen und Weindepots unter den Augen. Die Sonne blendete mich. Ich habe wohl gewunken. Um ihn zu versöhnen. Oder zu trösten. Ja, was weiß ich denn! Diese Zeiten. In guten ging es uns schon beschissen.

Zwei Wecken und ein Brot. Wenigstens das noch.

 Zur Erklärung: Ich bin nicht sie. Die Frau, die dort spricht und sich mit einem trotzigen Handstreich über die Augen wischt, ist Frau Völkel. Ich bin eine Angestellte, die ihr zuhört. Die zuhören muss, weil sie nicht weg kann hinter ihrem Tresen, Verkäuferin in einer deutschen Bäckerei in einem spanischen Nest auf einer Urlaubsinsel im Mittelmeer.

Frau Völkel ist eine meiner Lieblingskundinnen. Alle zwei Tage weht sie in den Laden. Wie eine Durchreisende, von einem Stern zum anderen. Sie ist einsam. Obwohl sie mit Jörg zusammen lebt. Mal wieder. Ich glaube, sie würde gerne allein sein. Nur ein bisschen aus der Ferne lieben wollen. Aber wenn sie fort geht, so viel weiß ich längst, dann will sie zurück. Und ist sie da, wo sie hin gewollt, dann wünscht sie sich wieder weg. So ist das mit den Menschen. Sie wollen keine Entscheidungen treffen müssen, sie wollen, dass etwas geschieht. 

Frau Völkel nimmt die Tüte, die ich ihr reiche, und schiebt mit zitternden Fingern einen Fünf-Euro-Schein über den Tresen. Die Trinklust ihres Freundes wird sie noch umbringen. Sie ist eine schöne Frau. So um die vierzig herum. Am frühen Morgen dezent geschminkt und gut gekleidet. Ihr Atem stinkt. Sie nimmt das Wechselgeld entgegen. Sie geht, mit angezogenen Schultern, die Tüte an die Brust gepresst, grußlos aus dem Laden. 

 

August 2010

 Ich

Die überwiegende Zeit des Jahres bediene ich Touristen: Engländer, Schweden, Russen und natürlich Deutsche. Die Servicesprache ist Deutsch. Ich muss mich weder in bulgarisch noch polnisch bemühen, sagt meine Chefin, gegessen wird, was auf den Tisch kommt. Manchmal genügt ein Fingerzeig. Der ist in allen Sprachen gleich. Wer nun glaubt, in den Wintermonaten ruht die Insel Gott verlassen, der irrt. Wetterflüchtige und Residenten gibt es immer. Sie nutzen die eintönigen Tage, um sich an meiner Ladentheke ausgiebig zu entleeren: Was während des Sommers geschah. Wo ihr Leben begann und wohin es sie führte. Welche und wie viele Krankheiten sie pflegen. Wen sie lieben und hassen und was ihnen einerlei ist oder suspekt. Ich kenne sie alle. Ihre verlorenen Seelen. Ihre offenen, sabbernden, geschminkten, welkenden Münder. Sogar ihre Gedanken. Manchmal lege ich meinen Teil dazu, tüte Laugenstangen und Gedeckten ein, verschenke meinen Segen. 

 Die Spanier schauen selten bei uns herein. Ihre verschlamperten Zähne und alles beißen sich mit dem festen Korn von deutschem Boden. So kommt es, dass ich mit sechsunddreißig Jahren nur wenige Worte Spanisch verstehe.

Ich improvisiere, und ich liebe diesen Zustand. Ich habe keine Freunde, keine Abenteuer, keine Aufregung. Zum Zeitvertreib sammele ich Geschichten. Bisweilen nehme ich sie zur Hand, spieße sie auf wie seltene Insekten und stelle sie hinter Glas. Zu all den anderen Schicksalen.    

 Wenn ich das Lädchen abends abschließe - in den Sommermonaten kann es zehn Uhr werden -, dann wate ich durch den plätschernden, wohlriechenden Touristenfluss und lese Wörter und Gesten auf. Mit prallvollen Netzen kehre ich heim. Auf dem Küchentisch packe ich aus, was das Leben an diesem Tag anspülte. Abgesehen vom täglichen Treibgut meiner werten Kundschaft quellen Träume und Schäume hervor. Krümelt Liebesglück auf den Boden, tropfen Lüste daneben. Leidpastillen finden sich zu einer großen Pfütze zusammen wie Quecksilber auf glattem Grund. Oft zünde ich die Kerzen an. Wie zu Großmutters Zeiten. Und lausche fremden Stimmen. Sie wispern, raunen, plappern. Mit Fortschreiten der Nacht beginnen sie zu rangeln, erklimmen sich gegenseitig und purzeln übereinander wie Kinder. Deshalb kann es passieren, dass ich bisweilen ein paar Fakten durcheinander bringe. Nun denn. Es gibt keine Wahrheit. Wahrheit ist absolut. Aber sobald wir etwas wiedergeben, sogar das, was wir selbst erlebt haben, kommen Wörter ins Spiel. Wörter sind unberechenbar. Das meiste, was ich Ihnen erzählen werde, hat sich tatsächlich so zugetragen. Überall auf der Welt. Vielleicht nicht zur selben Stunde, ganz sicher nicht mit denselben Personen. Hundertmillionenfach oder nur ein Mal. Spielt das eine Rolle? 

 Die Bäckerei, in der ich hinter der Theke stehe, ist klein. Sie befindet sich mitten im Zentrum des Ortes an einem vielbefahrenen Verkehrskreisel. Die Straßen, die sternenförmig auf ihn zulaufen (oder von ihm weg?), sind schmal und nur in eine Richtung befahrbar. Die kürzeste ist nur wenige hundert Meter lang. Sie nimmt ihren Anfang vor dem Portal eines Luxushotels. Hinterm Hotel liegt das Meer, da ist die Welt zu Ende. Die längste Straße verläuft schnurrgerade durch das Städtchen. Und weil die Spanier sich nicht lange mit fremden Sprachen herumärgern, steht auf dem Schild „Bolewar“, etwas weiter die Straße hinunter, überm Dönerstand, „Kwaliteit“. Multikulturell bemüht und unmissverständlich deutsch.

Die anderen Straßen sind eigentlich nicht der Rede wert. Aber eine ist mir die liebste. Die feinste von allen. Sie schlängelt sich in Richtung Norden den Berg hinauf und endet vor einem Häuschen mit grünen Fensterläden. Hier wohne ich. Mein Name ist Chantal. Die meisten Leute behaupten, ich sei nett. Das Nette in meinem Gesicht verdanke ich den Genen, meinen Namen jener Frau, die mich geboren hat. Hochmut kommt vor dem Fall; sie ist schon lange tot, erfroren auf einer Parkbank in irgendeinem Februar.

 Affirmation

 In meinem Herzen trage ich ein Licht. Ein kleiner Funke nur. Ich schaue in mich hinein und entdecke das warme Leuchten in mir. Es wächst, je mehr ich mich ihm zuwende. Wie Zunder brennt es und leckt mit goldenen Flammen. Ich hege und pflege seinen Wuchs. Ich fühle mich stark. Ich fühle mich erfüllt. Diese Hitze, bis in die Fingerspitzen hinein. Meine Augen glühen. Ich funkele. Ich strahle. Ich erhelle meine Küche und dann die ganze Welt. Ich bin das Licht und die Herrlichkeit. Mir öffnen sich Tür und Tor.

 Und Torheit.

 

September 2010

 

Frau König

 Bäcker ist eine Berufsbezeichnung für Menschen wie meine Chefin. Obwohl sie unübersehbar eine Frau ist, wird diese Benennung ausschließlich als maskuliner Terminus gebraucht. Doch titeln wir sie Bäckersfrau, denkt jeder gleich an Zahnarztfrauen, die noch nie in eine Mundhöhle geschaut, geschweige denn in einer solchen gewirkt haben. Meine Chefin aber hat. Nach dreijähriger Ausbildung im elterlichen Handwerksbetrieb buk Karin König ihr Gesellenstück und ging, wie es sich für einen anständigen Gesellen gehört, auf Wanderschaft. Als es an der Zeit war, ins Altbewährte zurückzukehren, erkannte sie es nicht wieder. Hier wurde längst nicht mehr mit Mehl und Wasser geschafft, nur angetaut und aufgebacken. Das eigentliche Dilemma aber war: Jede Art gekühlter Teiglinge gab es ebenso im Supermarkt nebenan wie an den Tankstellen der Stadt. Nur preiswerter. Und haltbar verpackt. Zwanzig Jahre Königswecken zerbröselten im Dauerfrost. Im Wettstreit zwischen der guten alten und der neuen Zeit verlor die Tradition. Die Königsmutter starb darüber. Ihre Tochter erwarb den Meisterbrief.

 Nun, also: Nennen wir sie Bäckermeisterin.

Da kommt sie eben zur Tür herein.

 „Guten Morgen, Chantal.“

„Guten Morgen, Frau König.“

Seitdem der Touristenstrom versickerte und der spanische, feuchte Winter Einzug hielt, steht ein kleiner Schemel zwischen Theke und Wandregal. Auf dem warte ich ab. Wenn die Frühstücksbrötchen und –schnecken verkauft sind, tut sich stundenlang nichts. Es gibt keine Spaziergänger, denen es nach einer Knabberei verlangt, keine Verirrten, die nach dem Weg fragen, selbst die Postbotin schaut nur einmal in der Woche vorbei.

Um mich vor dem Eindösen zu bewahren, summe ich vor mich hin. Wie eben. Jetzt springe ich auf und streiche meine Schürze glatt.

„Am frühen Morgen schon wieder müde?“

Gute Frage, ich bin noch gar nicht richtig aufgewacht.  

Höchst selten schaut meine Chefin mir beim Grüßen ins Gesicht. Ihr Blick geht an mir vorbei, als eilen ihre Gedanken weg, nur, um nicht hinsehen zu müssen, oder sie dreht den Lichtdimmer auf, untersucht den Ficus, der neben dem Eingang steht – findet auch tatsächlich immer ein gelbes Blatt, das sie abzupfen kann -, schiebt das Bänkchen zurecht oder die Werbetafel. Angesichts dieser Besorgungen ahne ich, dass die Nacht kurz war; ihre Bewegungen sind nutzlos und zerstreut.

Heute suchen ihre Augen den Boden ab. Sie schlendert mit gesenktem Kopf. Das ist eins der schlechteren Zeichen.

Ich sage schnell: „Zwei Wecken und eine Brezel verkauft!“

Sie bleibt stehen. Wird sie jetzt lächeln? Nein.  

 „Nehmen Sie sich doch später einen Besen und fegen Sie einmal durch. Dieser ganze Sand macht mich noch irre.“

Ich schaue auch auf den Boden und ziehe schuldbewusst die Unterlippe zwischen die Zähne, schließlich bin ich die jenige, die hier jeden Sonntag putzt. Und nun dieser Sand!

Ich kneife die Augen zusammen, um die vergessenen Körnchen auszumachen.

„Aber da ist kein Sand, Chefin.“

Sie hebt Kopf und Stimme. 

„Hören Sie nicht, wie es knirscht?“

Sie stellt sich breitbeinig auf und bewegt sich wie ein Twisttänzer. Sie schaut mich triumphierend an. Ich schaue möglichst interessiert. 

„Wahrscheinlich ist der Sand unter ihren Schuhen“, gebe ich zu bedenken.

„Wahrscheinlich brauchen wir eine neue Putzfrau“, gibt sie zurück.

„Jaaaa“, sage ich gedehnt. „Möglich.“

Sie winkt ab und rauscht in Richtung Backstube davon.

 Ich habe nichts gegen das Putzen. Zeitweilig macht es mir sogar Spaß. Es entspannt. Während ich sonntags Glas und Klo poliere, ziehen meine Gedanken ihres Weges. Meistens ans Meer. Und ruhen aus im Sonnenschein. Ich bin dankbar für die stillen Stunden des Putzens. In meinem Kopf spielen sich fremde Geschichten ab, Freunde kommen zum Essen, Konzertbesuche, Bummeltage, Liebesglück. So vergeht die Zeit.

Auch die Zweifel vergehen und die Einsamkeit.

 

Die Bäckermeisterin, meine Chefin, Frau König, war, soviel ist mir bekannt, einmal verheiratet. Dieser Mann, ein Jurist, muss außerdem ein Riesenschwein gewesen sein. Als sie im dritten Monat schwanger ging, verließ er Haus und Hof wegen einer Ärztin. Einer Ärztin! Ich frage euch, was haben Ärztinnen, was Bäckermeisterinnen nicht haben? Beide tragen sie weiße Kittel. Beide plaudern sie gelangweilt überm Tisch hinweg mit lebensmüden Patienten. Beide verkaufen Dinge, die, hypothetisch gesehen, Bio und lebensverlängernd sind. Und beide verdienen einen Batzen Kohle.

Aber der Jurist – er ging.

An einem heißen Maientag, ein Fön strich um das Haus, wurde ein Kind geboren, und weil der warme Wind die frischgebackene Mutter an ein verwehtes Glück erinnerte, bekam es den schönen Namen Sahra. Das verschluckte A wurde hintenan gestellt. Mit Punkt. Sahra A. König. Denn zu diesem Zeitpunkt hatte meine Chefin die Scheidung bereits durchstanden und sich wieder mit ihrem Mädchennamen bekleidet. Trotzdem, heute weiß ich: Der Jurist hieß mit Vornamen Arne. Romantisch ist sie schon, meine Chefin, ansonsten unberechenbar.

 Ich hole den Besen. In den hinteren Räumen werden energisch Stühle gerückt. Die Ladentür bimmelt. 

 

 

Herr und Frau Tucke

 Ein gewaltiger Berg verdunkelt den Eingang. Chef Nummer zwei, Herr Tucke, schiebt sich schwer atmend durch die Türöffnung. Seine Hosenbeine rutschen nach oben, als er sich auf das Kundenbänkchen niederlässt. Ich kann seine bläulich-rot gefärbten Knöchel sehen. Herr Tucke trägt niemals Socken. Sie engen ihn ein, sagt er. Seine geschwollenen Zehen stecken in sogenannten Gesundheitslatschen. Genügend Platz, um sich aneinander zu reiben und schwarze Hautschüppchen zu produzieren. Die fege ich dann zusammen und schütte sie ins Klo.

„Äch“, ächzt Herr Tucke. „Ich bin heute völlig außer Atem. Wahrscheinlich eine Magenverstimmung. Diese Fresserei jedes Jahr. Dabei habe ich die Haut von der Gans extra beiseite gelegt.“ Seine Hände ruhen rechts und links von ihm auf der Bank. Sein Bauch ruht auf den Knien. Sein massiges Kinn ist breiter als der Kopf.

„Babsi kommt gleich, holt die Zeitung.“

Babsi Tucke ist Herrn Tuckes Ehefrau. Die dritte, glaube ich. Sie ist klein, sie ist mollig, brustlos. Ein kurzer, strammer General, der sich seit seinem 10. Lebensjahr mit Schuppenflechten plagt. Zwischen ihren Augen steht eine linksgeneigte Falte. Sie hat einen kleinen Mund, aber ein großes Maul. Und Plattfüße. Und X-Beine. Und ...

Ertappt: Ich kann sie nicht ausstehen.

Sie ist eine jener Personen, die nie ein freundliches Wort für ihre Mitmenschen, geschweige denn für Angestellte übrig haben. Obwohl sie alles besitzt, und ich meine wirklich alles: an Häusern (2), an Autos (3), an Hunden (4), an Schmuck (3000 kg), an Geld (9735621895 – oder so), an Kindern (7 mit Kegel), an Sorglosigkeit ... ist sie der übelgelaunteste Mensch, den ich kenne.

Wahrscheinlich ist sie unglücklich. Wahrscheinlich vögeln sie nicht mehr, der Herr und die Frau Tucke. Wahrscheinlich wird ihr Mann niemals wieder jenes Teil an sich finden, das für diesen Vorgang nötig ist.

Babsi Tucke betritt den Laden, als ginge es zum Morgenappell.

„Morgen. Sauwetter. Zeitung.“ Mit einem zackigen Ruck streckt sie ihrem Mann die „Bild“ entgegen.

Auf dem Absatz kehrtgemacht.

„Schon Kundschaft?“

Ich richte mich an meinem Besen auf.

„Zwei Wecken, ein Brot“, donnere ich vorschriftsmäßig.

Knappes Nicken.

Weitermachen!

Die Tuckes verziehen sich in ihre Backstube. Ich nehme ein Geschirrtuch zur Hand und poliere die Theke. Hinten wird nicht gelacht.

 

 

 

Katrin Volkmann - Texter & Autorin | kontakt@texter-autorin.de